Unser Müll für Amerika

152 Container mit Atomabfall müssen weg aus dem Forschungszentrum Jülich. Nun sollen sie verschifft werden – in die USA

Berlin/Düsseldorf – Unförmig steht das alte Reaktorgebäude auf dem Gelände des Forschungszentrums Jülich, ein Relikt der Gründungszeit. In den Fünfzigerjahren als eines von zwei deutschen
Kernforschungsanlagen gegründet, sollte das Zentrum dieIdee eines heliumgekühlten Hochtemperaturreaktors vorantreiben. Statt Brennstäben sollten hier radioaktive Kugeln die
Atomenergie erzeugen, das Konzept galtals zukunftsträchtig, als „deutscher Siebenmeilenschritt
ins Atomzeitalter“.
Ein halbes Jahrhundert später sind davon nur
noch Probleme übrig.
Sie lagern in 152 Castor-Behältern im
örtlichen Zwischenlager. Dessen Betriebsgenehmigungwar
schon Mitte 2013 ausgelaufen,
eineVerlängerung misslang bisher.
Es ist unklar, ob die Castoren bei einem
Erdbeben noch sicher sind imHallenkomplexnebendemeinstigen
Reaktor.Die nötigen
Nachweise habe das Forschungszentrum
bisher nicht beschaffen können,
heißt es beim zuständigen Bundesamt für
Strahlenschutz.Was nun?
Ziemlich schnell muss jetzt eine Entscheidung
fallen, so will es die Atomaufsicht
in Nordrhein-Westfalen. Im Juli verfügte
sie die Räumung des Zwischenlagers.
Bis Ende September muss das Forschungszentrum,
das sich mittlerweile
mehr mit Umweltforschung beschäftigt
alsmitAtomen, einKonzept für die künftigeAufbewahrung
des einstigenKugelhaufens
vorlegen. DreiMöglichkeiten gäbe es:
Die Jülicher könnten selbst ein neues Zwischenlager
bauen, müssten sich aber damit
beeilen. Die Castorenmit dem hochradioaktiven
Müll könnten auf Lastwagen
ins Münsterland gekarrt werden, ins Zwischenlager
Ahaus. Oder aber sie würden
verschifft – in die USA.

Die Jülicher Kugeln enthalten
deutlich mehr spaltbares Uran als
herkömmliche Brennelemente

DiePläne für diesenAtomexport sind erstaunlich
weit gediehen. Im April unterzeichneten
das Bundesforschungsministerium,
das Land Nordrhein-Westfalen und
dasamerikanische Energieministerium eineentsprechende
Absichtserklärung. „Diese
Absicht ist nach wie vor Stand der Dinge“,
heißt es im Forschungsministerium.
Ziel sei die „schadlose Verwertung“ des
uranhaltigen Materials. Mitarbeiter des
Düsseldorfer Forschungsministeriums
fliegen bereits regelmäßig nach Washington,
umdort mitdem„Department of Energy“
zu verhandeln. Offenbar schon im Februar2012
hattedas Bundesforschungsministerium
den Export angeregt.
Selbst die Haushaltsmittel will sich das
Berliner Ministerium nun sichern, und
ganz billig wird der Export des deutschen
Atommülls nicht. Im Entwurf des Bundeshaushalts
hat das Forschungsministerium
für die Jahre 2014 bis 2018 vorsichtshalber
knapp250MillionenEuro für die „US-Option“
eingestellt, davon zehn Millionen in
diesem Jahrund65imnächsten.Wie lange
die Aktion dauern würde, ist unklar.
Experten sind entsetzt über die Pläne.
„Das ist ganz klar deutscher Atommüll“,
sagtetwaMichael Sailer, der Chef der deutschen
Entsorgungskommission, „es gibt
überhaupt keinen Grund,weswegen der in
dieUSAgebrachtwerden sollte.“Rein technisch
spreche nichts grundsätzlich dagegen,
die Castoren etwa in Ahaus aufzubewahren.
Auch die mehr als 300 Castoren
des anderen deutschen Kugelhaufenreaktors
lagern hier, des 1989 stillgelegten
Hochtemperatur-Reaktors inHamm-Uentrop.
Einen Abtransport nach Ahaus hatte
auch das Jülicher Forschungszentrum erwogen,
dann aber wieder verworfen. Örtliche
Bürgerinitiativen, aber auch die Grünen
revoltierten gegen die Castor-Transporte
nach Ahaus. Und Letztere sitzen
schließlich in der Landesregierung.
Stattdessen soll nun ein heikles KonstruktdasLandvomMüll
derGeschichte befreien.
Denn in den Abmachungen mit
dem amerikanischen Energieministerium
berufen sich alle Seiten auf den Atomwaffensperrvertrag.
Der Vertrag, seinerseits
ein Relikt des Kalten Krieges, soll verhindern,
dass waffenfähiges Material in die
falschen Hände gerät. Und waffenfähig
sindauchdie tennisballgroßen JülicherKugeln:
Sie enthalten deutlich höhere Anteile
spaltbarenUrans als herkömmliche Brennelemente
deutscher Atomkraftwerke. „Die
USAhabenimRahmenihrerNon-Proliferationspolitik
Interesse an der Rückführung
jeglicher graphitischen Brennelemente bekundet“,
erfuhr vorige Woche der Linken-
Abgeordnete Hubertus Zdebel aus dem
Forschungsministerium alsAntwort auf eine
Kleine Anfrage. Allerdings wolle man
verhindern, dass die USA ihrerseits daraus
Waffen herstellen: Die Bundesregierung
strebe an, „die Verbringung vertraglich an
die auf zivile Zwecke beschränkte weitere
Verwertung des Kernbrennstoffs zu koppeln“,
schreibt das Ministerium weiter.
Zielwäre die Savannah-River-Site. Auf der
800QuadratkilometergroßenAnlagekümmern
sich 12 000 Mitarbeiter um dieWiederaufarbeitung
des amerikanischen
Atommülls. Doch Widerstand gegen den
Import aus Germany gibt es auch dort.
Freilich gibt es eine klitzekleine Bedingung
für den Export: der Atommüll muss
aus einer nicht-kommerziellen Anlage
kommen – etwa einer, die nur zu Forschungszwecken
dient. Jahrelang war diese
FrageimFalle Jülichs glasklar:Die internationale
Atomenergiebehörde IAEA sah
Jülich stets als „kommerzielle“ Anlage,
selbst das Deutsche Atomforum führt den
Reaktor in Jülich auf einer langen Liste
kommerzieller Reaktoren in Stilllegung.
Nicht umsonst waren 15 Stadtwerke ursprünglich
an der „Arbeitsgemeinschaft
Versuchsreaktor“ beteiligt, die das Kraftwerk
betrieb. Jetzt aber,wo derMüll plötzlich
über den Atlantik soll, ist das Kernkraftwerk
ein Forschungsreaktor. „Das ist
kein zu wirtschaftlichenZwecken errichteter
Reaktor gewesen“, sagtBundesumweltministerin
Barbara Hendricks (SPD).
Die Grünen im Bundestag sind empört.
„Die juristischen Spitzfindigkeiten der
Bundesregierung, einen Reaktor, der zeitweilig
ins Stromnetz eingespeist hat, zum
Forschungsreaktor umzudefinieren, sind
moralisch unredlich“, klagt SylviaKotting-
Uhl, atompolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion.
Ein Export sei ein Tabubruch.
Auf ihre Nachfrage hatte das Forschungsministerium
einräumen müssen,
der Reaktor habe in 20 Betriebsjahren
67 Million D-Mark, also rund 34 Millionen
Euro, mit dem Stromverkauf verdient –
bei Kosten von 292 Millionen D-Mark.
Allerdings sind sich die Grünen da nicht
ganz einig, denn die rot-grüne Landesregierung
ist dem Export nicht abgeneigt.
„Die USA-Option ist keine neue Erfindung,
sondern ein bestehendes Programm“, sagt
der grüneUmweltminister JohannesRemmel,„
auch frühere Bundesregierungen haben
Atommüll in die USA verschickt.“ Der
Betreiber müsse jetzt „alle Optionen auf
Herz und Nieren prüfen“.
Da ist das US-Energieministerium
schon weiter. Kürzlich startete es eine
förmliche Umweltprüfung der Atommüll-
Einfuhr, allerdings nicht nur für die Abfälle
aus Jülich – sondern für die aus Hamm-
Uentrop gleichmit.

aus: Süddeutsche Zeitung vom 11.o9.14