Rede von Rehzi Malzahn Naturfreunde Deutschlands
auf der Deutzer Werft am 26.03.11 Köln

Liebe Demonstrantinnen und Demonstranten, liebe AKW-Gegnerinnen und –gegner, liebe Genoss_innen und Genossen.
es musste erst wieder eine Katastrophe passieren um ein Innehalten und Nachdenken über die Folgen der kapitalistischen Produktionsweise und – schlicht nicht beherrschbarer – Atomkraft auszulösen.

In den nächsten Wochen werden wir von Politiker_innen und aus den Konzernetagen zu hören kriegen, dass die Energiewende jetzt aber in Angriff genommen werden wird. Ich frage: Wie viele Energiewenden sind uns in den letzten 30 Jahren schon versprochen worden? Nach den Unfällen in Harrisburg oder Tschernobyl, ebenso wie zu den Auswirkungen der weltweiten Klimakatastrophe, immer wieder die gleiche Geschichte: Die zerstörerischen Auswirkungen von industrieller Großtechnologie sollen mit industrieller Großtechnologie beseitigt werden.
Das kann nicht funktionieren!

Was wir wirklich brauchen, ist eine Orientierung an den Bedürfnissen von Menschen und nicht, wie jetzt, eine Produktion um der Produktion Willen. Das setzt voraus, dass die Energieerzeugung dezentral organisiert wird. Der Ausbau von Windkraft, Wasserkraft und Solarenergie ist nicht ausreichend entwickelt worden. Die Konzepte aus den Entwicklungsabteilungen der Stromerzeuger orientieren sich NICHT an den Bedürfnissen der Menschen.

Als Aktiengesellschaften sind sie gezwungen, den größtmöglichen Profit zu erwirtschaften. Das heisst, dass ihre Energiekonzepte der kapitalistischen Verwertungslogik unterliegen.

Diese Konzepte drücken sich letztendlich in Zahlen aus! Zahlen werden in Tabellen und Kalkulationen verarbeitet.
Aber Verantwortung, Moral und die Lebensinteressen der Menschheit und der Natur passen nicht in eine Exceltabelle!
Solange wir wirtschaften, als gäbe es eine unsichtbare Hand im Hintergrund, die alles schon richten wird, ein Wirtschaftssystem aufrecht erhalten, dass sich nicht am Gemeinwohl orientiert, sondern an Profiten, werden wir letztendlich immer wieder vor diesen – von Menschen gemachten – Katastrophen stehen!

Das Desaster in Japan verdeutlicht einmal mehr: Die Atompolitik der Staaten steht im Widerspruch zu den Lebensinteressen der Menschheit. Trotzdem wird in Deutschland an der Atomenergie festgehalten.

Vorschläge zur Veränderung der Energiepolitik wurden aus den Reihen der Ökologie- und Anti-AKW Bewegung reichlich gemacht. Diese Vorschläge liegen auf dem Tisch – oder sind längst in der untersten Schublade verschwunden.

Wir müssen aber auch über die sozialen Folgen regenerativer Energieerzeugung nachdenken. Deutsche Firmen überlegen, wie sie großflächig in Nordafrika Solaranlagen bauen, um dort Energie für Mitteleuropa zu erzeugen. Die Menschen in den Ländern vor Ort haben davon: gar nichts.
Überall in den Ländern der dritten Welt werden Bäuer_innen enteignet, ihr Land geklaut oder zu geringen Preisen aufgekauft, um dort künftig in riesigen Plantagen und Agrarfabriken unseren sogenannten „Biotreibstoff“ zu produzieren. Nicht nur, dass wir so oder so seit Jahrhunderten auf Kosten dieser Teile der Welt leben, nein, künftig verbrennen wir auch noch ihre Nahrung in unseren Autos! Das ist nicht die Energiewende, die WIR meinen! Das ist der pure Hohn.

Dass die Bundesregierung auch nach diesem schrecklichen Unglück nicht bereit ist, die Atomkraftwerke vom Netz zu nehmen, hat der Wirtschaftsminister ja laut und deutlich erklärt. Wir sollen wieder vertröstet und verarscht werden. Auf dieses Spiel dürfen wir uns nicht einlassen!
Jetzt und immer schon kann es nur eine Forderung geben:

Die sofortige Abschaltung aller Atomanlagen!

Also: Abschalten den Scheiss!

Seit 25 Jahren wünscht eine klare Mehrheit der Bevölkerung den Ausstieg. Ein Viertel Jahrhundert

bitten wir,

appellieren,

argumentieren und

demonstrieren wir.

Immer wieder wurde uns vorgehalten :

Die Lichter gehen aus! Das geht nicht so einfach, wir müssen Verträge einhalten, das ist unvernünftig usw. usw.
Aber wenn es mal um Wählerstimmen geht, entscheidet die Kanzlerin ganz fix, und die älteren Reaktoren sind binnen weniger Stunden vom Netz.

Eins ist sicher:
Ohne eine kraftvolle, bunte und entschlossenen Anti AKW Bewegung wird es keinen Atomausstieg geben!
Nehmen wir uns ein Beispiel an den Menschen im Wendland!

Unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Fähigkeiten wehren sich Jahr um Jahr gegen das dortige Atomendlager. Die vielfältigen Formen des Widerstands bündeln sich und lassen sich nicht spalten.

Die Bauern der bäuerlichen Notgemeinschaft mit ihren Traktoren unterstützen die Leute, die sich zu Straßenblockaden versammeln. Feldküchen bringen Essen zu den Schienenblockierer_innen, Kirchen lassen Demonstrant_innen bei sich übernachten. Ob Menschen Petitionen schreiben, Plakate kleben, Unterschriften sammeln, die Polizei verwirren oder die Schienen der Castorstrecke unterhöhlen. Alle diese Widerstandsformen finden im Wendland Unterstützung!

In den nächsten Monaten werden wir diesen Geist des Widerstands brauchen. Lasst uns respektvoll miteinander umgehen! Lasst uns entschlossen, mutig und kämpferisch sein!

Sie werden versuchen die Kraftwerke wieder anlaufen zu lassen. Das müssen wir verhindern! Blockieren wir die Atomkraftwerke, die wieder ans Netz gehen sollen!

Packen wir es zusammen an. Atomausstieg ist Handarbeit!

Abschalten! Und sonst gar nix!